Abbühl - urazchun 2 la biblia e il vin.pdf
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Ernestina Abbühl

urazchun ll – la biblia e il vin, 2025

Privat MOS
Privat MOS

Technik: 1070 Weinkorken, Seiten der ersten rätoromanischen Bibel aus dem Jahr 1743, Baumwollstoff, Paraffin

Masse: Ø 85 cm

Ernestina Abbühl, 1967

" Völlig überraschend wurde ich durch einen Weinliebhaber, -Sammler und -Kenner mit der Situation konfrontiert, einen grossen, vollen Sack mit Korken von Weinen aus aller Welt
vor meiner Ateliertüre vorzufinden. Entsorgen? Nein, abwarten.
Ein Zufall? Die Korkzapfen setzten in mir etwas in Bewegung.
Recherchieren und Zusammenhänge ergründen – das finde ich spannend und ist Teil meines künstlerischen Arbeitens. Teil um Teil – wie meine Reliefs – sind die Gedanken und Überlegungen, ist die Geschichte und mein Werk entstanden...
Wein wurde im Mittelmeerraum, der Ursprungsregion des Christentums schon früh geschätzt; er galt als Ausweis einer kultivierten Lebensführung. Gleichzeitig war er beargwöhnt wegen seiner Wirkung im Übermass. Eine sakrale Bedeutung erhält Wein im Neuen Testament durch das Letzte Abendmahl, als Christus den Wein zu seinem Blut erklärte. Zusammen mit dem Brot wird Wein zum Versprechen der Wiederauferstehung.
Seitdem nimmt er einen wichtigen Platz in der christlichen Kultur und Liturgie ein.

Die Korkzapfen als «objets trouvés»

Der französische Mönch Dom Pérignon gilt als derjenige, welcher der Wiederentdeckung aus der Antike – Versiegelung des wertvollen Traubensaftes durch Korkzapfen – im späten 17. Jahrhundert zur nachfolgenden Popularität verhalf. Ich baue eine Brücke mit den Korkzapfen und meinem Relief und spanne den Bogen weiter in meinen Kulturraum, dem
Engadin und zur ersten rätoromanischen Bibel. (Diesen Hintergrund habe ich im Beschrieb zu meinem ersten Relief "urazchun l – tschiel ed infiern" bereits umfassend wörtlich und
visuell dargestellt.)
Die sorgsam herausgetrennten Seiten der ersten rätoromanischen Bibel, die nachweislich 1743-1745 in Scuol gedruckt wurde, habe ich dreieckig gefaltet und damit 1070 Weinzapfen ummantelt.

Die Symbolik des runden Tisches, der Wein und die Korkzapfen, die Heilige Schrift, farbige Stoffe und Wachs – das sind die Teile, die dieses Werk zum Ganzen führen. Die Weinsorten und die Lagerung ergeben die differenzierte Koloration der Korken. Die Dauer, die der Wein und der Korken in Kontakt sind, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Ein langer Kontakt führt zu einer intensiveren Farbübertragung. So zeichnen sich die Korken in unterschiedlichen Farbnuancen aus. Mit verschieden farbigen Umhüllungen aus in heissem Wachs getünchten Baumwollstoffen am Fuss der Korken greife ich die Koloration der Weinzapfen in verstärkter, aber nuancierter Farbgebung wieder auf. Diese gewachste und dadurch matte Buntheit – wie farbige Tücher – setzt den Akzent zur kulturellen Vielfalt der Regionen, der Länder, der Ethnien und der Welt. Die kompakte Anordnung der einzelnen Objekte – Korkzapfen aus vielen Teilen der Welt – erinnert an etwas Waben- oder Nestartiges, Zusammengerücktes, Haltgebendes, an Geborgenheit
und Gemeinschaft."

- Ernestina Abbühl, 2025

 

Ernestina Abbühl, im Engadin geboren und aufgewachsen, Bürgerin von Schanf und heute im Atelier in Sargans tätig, schichtet Papier und Wachs zu abstrakten Wandreliefs. Ihre Themen Eis, Fels, Erde und alpine Flora entstammen dem Naturkreislauf ihrer Herkunftsregion; die Werktitel formuliert sie konsequent in ihrer rätoromanischen Muttersprache.

urazchun II – la biblia e il vin (Relief, 2025, Ø 85 cm) führt diese Praxis auf ein neues Materialfeld. Am Anfang stand ein Zufallsfund: Ein Weinsammler stellte der Künstlerin einen Sack mit Korken aus aller Welt vor die Ateliertür. Aus 1070 dieser Korkzapfen, ummantelt mit dreieckig gefalteten Blättern der ersten rätoromanischen Bibel – nachweislich 1743–1745 in Scuol gedruckt –, entstand ein kreisrundes Relief. Baumwollstoff, in heissem Paraffin getüncht, fasst die Korken am Fuss. Die roten Fäden des Werks sind die Original-Lesezeichen jener Bibel.

Die inhaltliche Verschränkung ist präzise gesetzt. Wein trägt im Mittelmeerraum seit jeher eine doppelte Bedeutung: Ausweis kultivierter Lebensführung und zugleich Gegenstand des Misstrauens wegen seiner Wirkung im Übermass. Im Neuen Testament erhält er durch das Letzte Abendmahl sakralen Rang. Abbühl verbindet dieses Motiv mit dem eigenen Kulturraum und schliesst an ihr erstes Relief der Werkgruppe, urazchun I – tschiel ed infiern, an.

Die Farbigkeit ist dem Material abgelesen, nicht aufgetragen: Rebsorte und Lagerdauer bestimmen die Tönung jedes einzelnen Korkens, die gewachsten Stoffumhüllungen nehmen diese Nuancen verstärkt wieder auf. Die dichte, konzentrische Anordnung erinnert an Waben- oder Nestartiges. So verhandelt das Werk über die Symbolik des runden Tisches zugleich kulturelle Vielfalt und Gemeinschaft – zusammengerückt, haltgebend.