Lapisteig in der Kälte gerissen, 2019
Oel-Inversion auf Leinen
Masse: 80.00 x 60.00 x 4.00 cm
Ty Waltinger (1962–2022, Wien) war ein österreichischer Maler, der eine höchst eigenständige Position in der Gegenwartskunst einnahm. Als „Poet der Farbe" entwickelte er eine prozessuale Maltechnik, bei der er historische Pigmente aus fünf Jahrhunderten – Lapis Lazuli, Ultramarin, Coelinblau, Pariser Blau, Cochenille – mit alchemistischen Bindemitteln wie venezianischem Lärchenharz, Rosmarinöl oder Silberchlorid nach Rezepturen alter Meister kombinierte.
Seine Werke entstanden in komplexen Öl-Inversionen unter extremen Wetterbedingungen: Regen, Hagel, Sahara-Hitze oder arktische Kälte wirkten als aktive Gestaltungskräfte. In den sogenannten „Cryo-Paintings" ließ er aufgetragene Pigmentschichten bei Minustemperaturen gefrieren, was charakteristische Rissbildungen erzeugte. In den „Zeit-Fresken" (1999–2016) trug er bis zu 300 Farbschichten auf und legte diese später mit dem Skalpell Schicht für Schicht frei, um den Zeitverlauf sichtbar zu machen. International war er u. a. auf der Biennale Venedig 2017 präsent; seine Werke befinden sich in der Albertina Wien.
„Lapisteig in der Kälte gerissen" (2019) gehört zu den „Cryo-Paintings". Der kostbare Lapis-Lazuli – gewonnen aus dem Mineral Lapislazuli, eines der edelsten Blaupigmente der Kunstgeschichte – leuchtet in tiefer Intensität, durchzogen von Rissstrukturen, die durch Frosteinwirkung entstanden. Das Bild ist Zeitarchiv und Naturereignis zugleich: Es dokumentiert reale klimatische Bedingungen und macht das Unsichtbare – Kälte, Zeit, Prozess – sinnlich erfahrbar.