Maleonn - Chines stories #4 dop
Maleonn - Chines stories #4 dop
Maleonn (Ma Liang)

Chinese Stories #4, 2005

2. Obergeschoss
2. Obergeschoss

schwarz/weiss, Fotografie auf Aluminium

Masse: 102 x 88.50 cm

 

«Die Fotografie ist mein magischer Pinsel» beschreibt Maleonn sein Verhältnis zu seinem künstlerischen Medium und Werkzeug. 

1972 als Maliang in Shanghai geboren, wuchs Maleonn als Sohn des Direktors des Shanghaier Opernhauses und einer Schauspielerin auf, wodurch er von Geburt an in ein «künstliches Theateruniversum» hineingeboren wurde.

Die künstlerische Welt, welche Maleonn nicht nur kreiert, sondern in welcher auch die dargestellten Szenen, Situationen oder Personen situiert und gezeigt werden, verkörpern die intrinsische Diskrepanz, welche Maleonn in der real Welt wahrnimmt und in Relation zu seinen Vorstellungen setzt, welchen in Form einer Fotografie  Ausdruck verliehen wird.

Maleonn, welcher u.a. auch als Filmregisseur tätig war, inszeniert mittels manueller Nachkolorierung und anderen digitalen Mitteln, skurrile und surreale Universen, in welchen die wahnsinnigen Fantasien als metaphorische Erzählrahmen dienen. So stellt bereits sein Name, Maleonn, eine unbewusste Betonung dieses künstlerischen Prozesses dar, als dass der Name Maleonn mit einer Figur aus einem chinesischen Volksmärchen referenziert. Dieser fiktive Maleonn besitzt die Macht, die Realität mit einem magischen Pinsel nach Belieben zu verändern – wie der echte Maleonn mit seinem magischen (digitalen) Pinsel.

In den Arbeiten des Künstlers kommt es zu einer Verschmelzung zweier Welten. Zum einen ist dies die reale und durch den Künstler erfahrene Realität, wie das Vertreiben der Eltern auf das Land im Zuge der Kulturrevolution und das daraus folgende auf sich selbst gestellt Sein. Zum anderen steht dieser realen Welt, die fantastische und imaginierte Welt des Künstlers, bzw. des inneren Kindes des Künstlers, gegenüber. Im künstlerischen Prozess werden diese Welten kombiniert und führen zu einer bewusst herbeigeführten inhaltlichen Diskrepanz, wobei die Fantasie als Fluchtmöglichkeit und die Erinnerung als Melancholie der verlorenen Unschuld interpretiert wird.

Die Referenzen in der Dimension der realen Welt sind essentiell für das Storytelling der Fotografien Maleonns. So diente bspw. der Französische Postbote Ferdinand Cheval als Vorlage für die Arbeit Postman #1, 2008, welcher internationale Bekanntheit erlangte, als er ein nach seinen Vorstellungen geplantes «Schloss», den sog. Palais idéal du facteur Chaval, errichtete.

Auch das autoritäre Regime Chinas wird in den Fotografien Maleonns zum Thema – wenn auch auf eine eher subtile Weise. Die in Militäruniformen gepackten jungen Erwachsenen, verkörpern zwar visuell das Regime. Ihre Situiertheit im Sujt bzw. ihre Art der Darstellung steht jedoch wiederum im Kontrast zu dem durch die Uniformen grundsätzlich Suggerierten. Ebenso verhält sich die Arbeit Little Flagman #1: Der kleine Fahnenträger, dieser Clown, der alle Merkmale einer autoritären Figur aufweist, hört zu und urteilt, versteckt hinter seiner lächelnden Maske. Die Helden von Maleonns Fotografie halten an ihrem Idealismus fest, trotz der trostlosen Dekorationen, die sie umgeben, oder der grotesken Situationen, denen sie begegnen.

Auch die Reduktion von Farb- auf Schwarz-Weiss-Fotografie ist ein bewusster Umgang mit den Sujets durch den Künstler. Wenn Maleonn über das zeitgenössische China und seine Geschichte spricht, setzt er sich auch mit der, wie er es nennt, "sentimentalen" Geschichte des traditionellen China auseinander. Inmitten einer ruhigen, schwarz-weißen Landschaft, die an alte Kalligrafie erinnert, erinnert eine "plastische" Figur aus A Chinese History, die von Pfeilen durchbohrt ist, an einen Strategen aus der Zeit der Drei Reiche. Ein schwarz-weißes Farbschema wird oft für ernstere Themen verwendet, die sich von seiner Kindheit lösen, in der die Melancholie den Vorrang vor der Verspieltheit zu haben scheint.

Auf der visuellen Ebene referenziert der Künstler mit dem Tschechischen Fotografen Jan Saudek, welcher theatralische Elemente in einer zweideutigen Atmosphäre darstellt. Im Bereich des Filmemachens, was seinen szenischen Hintergrund für die Fotografien darstellt, bezieht sich Maleonn oft auf den Iranischen Regisseur Abbas Kiarostami, welcher seinen Ursprung in der Werbebranche hat. Der Betrachter fühlt sich auch an die Arbeiten von Tim Burton und Jean-Pierre Jeunet erinnert, da diese überbordenden Universen, die grenzenlose Fantasie, die wir mit der Kindheit assoziieren, und die abwechselnde Verwendung von Schwarz-Weiß oder Farbe, je nach Thema, aufweisen.

Als Sammler zahlreicher Requisiten entwirft Maleonn auch die für seine Kulissen notwendigen Kostüme und Bühnenbilder. Während seines Studiums des Grafikdesigns an der renommierten Universität für angewandte Kunst in Shanghai lernte er, die digitalen Werkzeuge zu beherrschen. In jeder Phase des Prozesses wird das Bild bis ins kleinste Detail dekonstruiert, und er verschmilzt gekonnt viele künstlerische Medien in einem einzigen Bild, um uns immer weiter in seine Welt zu ziehen. Es ist eine ungewöhnlich dichte, unendliche Welt, die sich dem Betrachter bietet; eine Welt der bewussten und unbewussten Illusionen.